• Irgendwie nur so halb. So fühlt sich das Singleleben an. Auf der Suche nach der Liebe, beschreiten viele Menschen die unterschiedlichsten Wege. Im Jahr 2017 sind unter anderem Partnerbörsen hoch im Kurs. Warum auch nicht? Man trifft auf einen Klick viele Menschen, die die gleichen Sehnsüchte haben wie man selbst und vielleicht das „Perfect Match“ ergeben. Auf meiner ganz persönlichen Suche nach Mr. Right, gesellte ich mich zu anderen Solisten an die virtuelle Bar und kam ins Gespräch. Kennenlernen leicht gemacht.


    In meiner Reportage „Nuancenfreiheit“ plaudere ich aus dem Nähkästchen und berichte über meine Erfahrungen und Gedankengänge, die mich in dieser Zeit begleitet und beschäftigt haben. Ein persönliches Treffen in einem Café und ein kleiner auditiver Ausflug in meine Comfortzone warten darauf, von dir gedated zu werden. Darf ich dich einladen?

    Eine multimediale Reportage von Magdalena Keller


  • Einmal Liebe zum Mitnehmen bitte.

    Es ist Frühlingsanfang. Die Vögel zwitschern, die Mitarbeiter der Cafés räumen die Außenbestuhlung auf den Marktplatz und es riecht nach Sonne. Während ich den Milchschaum von meinem Latte Macchiato löffle, beobachte ich, wie sich das Lokal langsam füllt.

    Ich werde ein bisschen nervös, denn ich treffe mich heute mit Jonas. Zum ersten Mal.

    Kennengelernt haben wir uns über eine Datingapp. Nach ein paar Tagen fiel die Entscheidung, sich zu treffen. Kein Date, einfach nur ein Treffen aus Sympathie. Aus sicherer Entfernung beobachte ich einen Mann, der sich umsieht. Ich checke nochmal die Fotos, um einer peinlichen Situation aus dem Weg zu gehen. Er ist es. Schätzungsweise 1,85 m groß, 32 Jahre alt, schlank, gut gekleidet. Auf seinem Kopf glänzen vereinzelt graue Haare. Seine Augen sind braun und er hat Grübchen.

    Nach einer kurzen freundlichen Begrüßung setzen wir uns und er bestellt einen Cappuccino.

    Jeden Tag finden im deutschsprachigen Raum unzählige Blind Dates dieser Art statt. Kein Wunder, Umfragen zufolge ist allein in Deutschland jede/r dritte Erwachsene Single. Durch kostenlose und kostenpflichtige Onlineplattformen wie Tinder, Lovoo, Elitepartner oder Parship wird versucht, der Einsamkeit Abhilfe zu schaffen. Mit Menschen in Kontakt zu treten, die sonst niemals den eigenen Weg gekreuzt hätten und sehen, was sich ergibt. Allein in Deutschland beträgt die Anzahl der aktiven Nutzer auf Online-Dating-Börsen 8,4 Millionen. Diese Tatsache spielt den kostenpflichtigen Plattformen einen Betrag von 199,2 Millionen Euro pro Jahr in die Kassen.

    Jonas weiß, dass es sich bei unserem Treffen weniger um ein klassisches Date handelt und ist entspannter als ich vermutet hatte. Er ist gepflegt, entspricht dem Typ Mann, den ich anhand der Fotos erwartet hatte. Glück gehabt? Mit seinem schweizer Akzent erzählt er mir von seiner Scheidung im letzten Jahr und seiner kleinen Tochter, die er über alles liebt. Auf meine Frage, warum er sich bei der App angemeldet habe, lacht er. „Ich wollte meinen Marktwert testen.




    Einfach ein bisschen Spaß haben und sehen, was sich ergibt. Das letzte Jahr war nicht so leicht mit der Scheidung und allem.“ Emotion, abgeklärt, traurig?

    Er schüttelt den Kopf, schnaubt und verdreht die Augen, als er mir von den anderen Frauen erzählt, mit denen er Kontakt geknüpft hatte. „Manche legen alle Hüllen ab. Wollen umworben und angebetet werden. Ein paar behandeln mich wie ein Stück Fleisch, das sie gefälligst geil zu finden hat. Was bin ich denn? Wo kommt dieses Rollenbild auf einmal wieder her? Und wer umwirbt mich?“. Er trinkt einen Schluck Cappuccino. Er hatte auf mehr gehofft und meldete sich im Folgeschluss wieder ab. Genau wie ich.

    Dass sich Liebe verändert hat, davon spricht auch die Soziologin Eva Illouz. Das Liebesglück habe in der heutigen Zeit eine andere Grundlage und andere Formen. Karl Marx als Vorbild nehmend, zeigt sie in ihrem Buch „Warum Liebe weh tut“, dass Liebe von gesellschaftlichen Verhältnissen geformt ist. Durch moderne Kommunikationsmittel wie Skype, Facebook und Whats App erweitere sich die Auswahl an potenziellen Beziehungspartnern immens. Keine sozialen und geografischen Schranken seien mehr gesetzt, nicht zuletzt durch Online- und Kontaktbörsen. Das kann aber auch zu Problemen führen. „Das Internet arrangiert die Auswahl wie auf einem Büfett und lädt zu Formen von Wahl ein, die aus der ökonomischen Sphäre abgeleitet sind“, so Illouz im Interview mit dem Tagesspiegel 2011. Während man sich selbst etwas von diesem Angebot herauszuklauben glaubt, liege man selbst auf dem Präsentierteller. Illouz sieht das Gefühl, attraktiv und begehrt zu sein als Fundament des stabilen Selbstbewusstseins. „Ich bin begehrenswert, also bin ich.“

    Jonas und ich bestellen eine zweite Runde Kaffee. Die Nervosität ist bei uns beiden merklich abgeklungen und wir führen eine nette Unterhaltung. Er erzählt mir von seinen Geschäftsreisen, seinen Plänen und fragt mich nach meinen. Als die Rechnung kommt, übernimmt er. Ganz der Gentleman.

    Laut einer Umfrage im Jahr 2016 antworten 74% der Teilnehmer auf die Frage „Glauben Sie an die Liebe für’s Leben?“ mit Ja.

    Wir verabschieden uns ohne Schmetterlinge und mit viel zu viel Kaffee im Bauch.