• Konzertbesuche sind immer etwas ganz Besonderes. Vor allem, wenn man die Musiker kennt. Im Sommer 2016 durfte ich bei der Studioaufnahme eines kompletten Albums dabei sein und miterleben, wie eine CD entsteht. Jetzt ist sie fertig und wird zum allerersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Wie fühlt sich das für die Musiker an? Was steckt hinter diesem Prozess?


    Diese Fragen und noch viele mehr habe ich in meiner Reportage „My Territory – Meine Musik wird ihren Weg gehen.“ beantwortet. Ich habe der Aja Soul Group am Abend ihrer CD-Präsentation in Dornbirn über die sprichwörtliche Schulter geschaut und ihnen Löcher in den Bauch gefragt. Was dabei herausgekommen ist, ist mehr als sehenswert.

    Eine Magazinreportage von Anna Salcher



  • Erwartungsvoll öffne ich eine Tür, an der ich bis dato nur gedankenverloren vorbei gegangen war. Die Nachmittagssonne taucht das Innere der Wirtschaft in Dornbirn in ein warmes und einladendes Licht. Noch sind nur wenige Tische des Lokals gefüllt, doch das wird sich in wenigen Stunden ändern. Als ich den Raum nach bekannten Gesichtern durchsuche, werde ich von einigen Gästen verwundert begutachtet. Ausgerüstet mit prall gefülltem Rucksack und zwei Kamerataschen bin ich hier offensichtlich ein eher ungewohnter Anblick. „So vollbepackt wie du bist, gehörst du bestimmt zur Band!“, begrüßt mich ein Mann, der mir später als Geschäftsführer des Lokals – Wolfgang Preuß - vorgestellt wird. Auf meine Frage, woher die Wirtschaft eigentlich ihren Namen hat, antwortet er: „Mit dem Namen des Lokals will ich erreichen, dass wenn man im Volksmund sagt „Kumm, gohmr doch in d’Wirtschaft.“, sich die Frage nach dem „Welche denn?“ erübrigt. Es soll klar sein, dass es sich um DIE Wirtschaft handelt.“ Während unseres Gesprächs entdecke ich die Band, die an einem Tisch gemütlich zusammensitzt. Der Bassist der Band - Stephan Reinthaler - winkt mir fröhlich zu, als ich auf ihren Tisch zukomme. Mit einem festen Händedruck werde ich von allen Bandmitgliedern begrüßt. Ich bekomme Sätze wie „Freut mich sehr, dich wiederzusehen!“ und „Lange ist es her!“ zu hören. Nur die Stirn des Gitarristen der Band - Toni Eberle - ist sichtlich verwirrt in Falten gelegt. Also stelle ich mich ihm vor. Ich sage ihm, dass ich die Fotografin des Abends bin und eine Reportage über die Veröffentlichung ihres neuen Albums verfassen werde. Als ich damit fertig bin, hat sich seine Stirn immer noch nicht geglättet, weswegen ich etwas weiter aushole. „Ich bin’s, Anna. Ich war bei der Aufnahme eures Albums in Eschen dabei.“ Ich persönlich hatte nämlich das Vergnügen, im Rahmen eines Praktikums bei der kompletten Aufnahme ihres Albums im Little Big Beat Tonstudio in Eschen dabei zu sein und sie fotografisch zu dokumentieren. Während dieser Zeit durfte ich die Mitglieder der Band und ihre Musik näher kennenlernen, was mir großen Spaß gemacht hat. Einige der Fotos aus dieser Zeit habe ich ihnen mitgebracht, welche später am Abend noch von Bedeutung sein würden.

    Da fällt der Groschen und er entschuldigt sich für seinen kleinen Faux-Pas. Als ich mich nach der Sänger, Aja Zischg, erkundige, werde ich nach oben geschickt. Über eine Treppe gelange ich in den Konzertsaal. Zahlreiche Tischreihen stehen bereit, aber es befinden sich nur zwei weitere Personen im Raum. Aja steht auf der Bühne, welche sich an der Fensterfront befindet, und testet mit Zischlauten verschiedene Mikrophone. Als sie mich entdeckt, springt sie von der Bühne und kommt mir mit ausgebreiteten Armen entgegen. Sie freut sich sichtlich mich zu sehen und begrüßt mich herzlich. Dann zeigt sie mir den Backstage-Bereich. Ein kleiner Raum mit einer Trennwand, ein etwas spärlich gefüllter Kühlschrank mit Getränken, einem Kleiderständer und einen Tisch, unter dem sich Pappcartons mit CDs befinden. Eine davon packt Aja aus und zückt einen goldenen Stift, mit dem sie eine Widmung und ihre Unterschrift auf das Cover schreibt. „Territory“, der Titel des Albums, steht in ebenfalls goldener Schrift auf dem schwarzen Hintergrund. Jedoch der eigentliche Eye-Catcher ist Aja, die in dunklem Pelz gekleidet in kraftvoller Pose auf einem rostroten eisernen Sessel thront. Seitliche Lichtakzente unterstreichen ihren starken und selbstbewussten Gesichtsausdruck. Man merkt: diese Frau hat etwas zu sagen. Ein stolzes Lächeln umspielt ihre Lippen, als sie mir ihr kleines Geschenk überreicht. Da die Band, außer ihr, ausschließlich aus Männern besteht, und diese ihrer Meinung nach in Sachen Mode keine Ahnung hätten, bittet sie mich um weiblichen Rat bezüglich der Auswahl ihrer Ohrringe. Die gemusterten Silberohrringe setzen sich nach kurzer Diskussion gegen die andern beiden Paare durch. Fertig geschmückt kehrt sie auf die Bühne zurück, wo der Tontechniker schon auf sie wartet. Es scheint, als hätte ihn die Unterbrechung nicht sonderlich gestört.

    Nach Aja ist Toni mit dem Soundcheck dran. Danach Stephan, dann Benny - der Keyboarder - und Christian - der Drummer. Erst nachdem jedes Instrument individuell mikrophoniert worden ist, steht erstmals die komplette Band gemeinsam auf der Bühne. Es wirkt, als wolle die mittlerweile sehr tiefstehende Sonne die Stimmung des Albumcovers mit goldenem Schimmer in dem dunklen Raum nachahmen. Schade nur, dass bis auf uns und die tröpfchenweise eintreffenden Kellner niemand davon Notiz nehmen wird. Es ist nämlich erst kurz vor sechs Uhr abends, als die bunten Bühnenlichter den Raum violett färben und das bevorstehende Ereignis ankündigen. Die Bühne ist vorbereitet, der Sound abgemischt, das Personal auf Position. Alles bereit für das Eintreffen der Gäste, die ab 19 Uhr das „flying dinner menü“ genießen werden, das vor dem Konzert um 21 Uhr serviert wird. Und was tut die Band bis dahin? Es sind noch über zwei Stunden Zeit. Neugierig folge ich ihnen nach unten, wo schon ein Tisch bereit steht. Mit dem Argument „ein Konzert könne sich unmöglich mit leerem Magen spielen“ bekommen wir die Speisekarte ausgehändigt. Die Bestellungen reichen von saftigen Hamburgern, über würzige Wraps bis hin zu mit Lachs belegtem Fladenbrot. Man würde meinen, Musiker würden sich vor einem Auftritt über das bevorstehende Ereignis unterhalten. Nicht so die Aja Soul Group. Die Gesprächsthemen reichen von sportlichen Aktivitäten, über Anekdoten über ihre Kinder bis hin zu den neuesten Witzen, die sie kürzlich erst gehört hatten. Es menschelt sehr. Und das empfinde ich als sehr angenehm. Ich frage sie, ob sie denn gar nicht aufgeregt sind. Ich bekomme Antworten wie „Nach so vielen Jahren lernt man, damit umzugehen“, „Nööö... Das ist ganz normal für mich“ und „Willst du uns nervös machen?“.

    Nach dem Essen, als alle gemütlich zusammensitzen und sich die Verdauungsmüdigkeit meldet, nutze ich die Möglichkeit, ihnen meine Mitbringsel zu zeigen. Ich hatte die besten Fotos aus ihrer Zeit im Tonstudio ausgedruckt und mitgebracht. Ich breite sie auf dem Tisch aus und sie fangen sofort an, sich welche herauszupicken. Aja zeigt Benny ein Bild, auf dem er sich tief über sein Keyboard beugt und Christian erklärt seine halb geöffneten Augen auf dem Gruppenbild mit dem Scherz „Da bin ich besoffen gewesen“, worauf alle in schallendes Gelächter ausbrechen. Stephan benutzt die Taschenlampe seines Handys, um in dem gedimmten Licht mehr erkennen zu können und betrachtet ein Bild von sich mit Little Konzett, dem Leiter des Studios in dem das Album aufgenommen worden war. Mit einem fetten Grinsen stehen sie inmitten des großen Aufnahmeraums umringt von Mikrophonen und Verstärkern und zeigen mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den jeweils Anderen. „Man siat, dass dr Little a Mords Gaude hot“, kommentiert Aja das Foto. Sie erzählt, dass sie seine Professionalität und seine Ruhe während der Aufnahmen am meisten an ihm schätzte. Wichtig sei auch, nicht nur den Techniker, sondern auch den Musiker in ihm zu haben. Er selbst ist nämlich als Schlagzeuger selbst fester Teil mehrerer Bands. „Vor allem ist er einfach fit!“, wirft Christian ein und Stephan findet den Tonfall von Little im Umgang mit den Musikern sehr angenehm und professionell. „Er sagt weder „Das war scheiße“, noch lügt er einen an, dass es besonders gut war“, erklärt er. Man merkt, dass die Bandmitglieder Little während ihrer Zeit im Studio ins Herz geschlossen haben und tiefe Dankbarkeit ihm gegenüber empfinden.

    Zu einem anderen Foto meint Aja: „Wir wirken sehr konzentriert und auch ein wenig erschöpft, dadurch dass wir drei Tage intensiv aufgenommen haben.“ Auf meine Bemerkung hin, dass drei Tage auf mich sehr kurz wirken, um ein komplettes Album mit 12 Songs aufzunehmen, erklärt mir Aja, dass sie sich ihr Album aus eigener Kasse finanziert und deswegen ein begrenztes Budget für die Aufnahmen hatten. „Wir waren extrem schnell. Ich wäre gerne mit diesen tollen Jungs zwei Wochen im Studio gestanden, wenn ich einen Sponsor gehabt hätte, der mir 20 oder 30 Tausend Euro zur Verfügung gestellt hätte. Aber manchmal ist das gar nicht nötig. Man kann sich auch verlieren, wenn man zu viel Zeit und zu viel Budget hat“, so Aja. Weiter meint sie: „Ich sehe es bei meinen Schülern, wenn sie aufnehmen.“ Wenn Aja von ihren Schülern redet, meint sie diejenigen, die sie im Rahmen des Jazzseminars der Musikschule Dornbirn unterrichtet. „Sie sind nie zufrieden mit dem Ergebnis. Irgendwann muss man es einfach stehen lassen. Es bleiben Momentaufnahmen. Es ist wie es ist. In drei Jahren klinge ich wieder anders.“ Daraufhin erwidert Stephan: „So ist es. Wenn man das nicht akzeptiert, kann man nie etwas veröffentlichen.“ Auf die Frage hin, ob sie diese kurze Zeit im Studio als besonders anstrengend empfunden haben, sind sich die Musiker einig. Sie beschreiben diese Zeit zwar als sehr intensiv, aber gleichzeitig entspannt. Sie kommen aus dem Schwärmen über Little und das Studio gar nicht mehr heraus. Vor allem für Christian war es besonders locker: „Für mich als Wiener war es schön, einfach mal NUR aufzunehmen und zu wissen, dass ich sonst keine Termine habe.“ Er ist nämlich allein wegen den Aufnahmen und heute nur wegen dem Konzert von Wien nach Vorarlberg gereist. Ebenso wie Benny. Beide sind sie gebürtiger Vorarlberger, die in Wien leben. Wie alle Bandmitglieder, mit Ausnahme von Aja selbst, sind die beiden Musiker neben der Aja Soul Group noch Teil von anderen Bands. Christian behauptet, in 10-12 weiteren Bands Schlagzeug zu spielen, während Benny sich auf seine „Hauptband“ namens Kompost 3, deren Sitz sich in Wien befindet, konzentriert. Aufgrund seiner anderen Tätigkeiten als Produzent von Animationsfilmen, Musikvideos etc. bezeichnet er sich selbst als „Berufskünstler“. Eine weitere Gemeinsamkeit von Benny und Christian ist die Tatsache, dass sie an ihrem Dasein als Musiker ihre Unabhängigkeit sehr wertschätzen. Christian erzählt mir, er habe das Glück sich aussuchen zu können, bei welchen Projekten bzw. Bands er dabei sein kann. „Ich mache nur, was mir Spaß macht“, erklärt er.

    Im Gespräch mit Stephan und Toni erfahre ich, dass sie neben ihrer Tätigkeit als freischaffende Berufsmusiker ebenfalls ihr jeweiliges Instrument unterrichten. Toni ist Gitarrenlehrer und Bandbetreuer und Stephan unterrichtet Bass und ist bei diversen Musicals, Big Bands und anderen Projekten – vorwiegend in der Schweiz – tätig. Ajas Tätigkeiten neben ihrer Soul Group fokussieren sich auf das schon erwähnte Jazzseminar der Musikschule Dornbirn. Dort ist sie als gelernte Musikpädagogin als Vocal Coach (Gesangslehrerin) tätig. Und wie wurde aus diesen fünf Musikern plötzlich eine Band? Aja und Toni hatten schon vor der Aja Soul Group gemeinsam als Duo Musik gemacht, mit der sie sogar international erfolgreich waren. Im Jahre 2010 kam dann der Wunsch nach einer Band, die das Potential von einigen ihrer gemeinsamen Songs voll auszuschöpfen. Während eines Projekts des Jazzorchester Vorarlberg, mit welchem Aja gemeinsam eine CD aufgenommen hatte, ist die Freundschaft von Aja, Benny, Christian und Stephan gewachsen. 2016, sechs Jahre nach der Veröffentlichung der ersten CD „European Heart“ (damals noch mit anderem Bassisten und Keyboarder) kam der Wunsch nach einem weiteren Album. „Der Wunsch war plötzlich da, also habe ich meine Jungs zusammengetrommelt“, so Aja. Glücklicherweise sind alle von ihnen mit ebenso viel Leidenschaft bei der Sache wie Aja selbst. „Natürlich bin ich dabei, weil es mein Beruf ist, aber bei der Aja Soul Group dabei zu sein macht mir besonders viel Spaß. Die Leute sind genial, sowohl musikalisch als auch menschlich“, erklärt mir Benny. Toni erklärt mir, dass das Zusammenspiel mit anderen Musikern, vor allem für einen Gitarristen, einfach essentiell ist und Stephan behauptet, dass es drei Kriterien gäbe, wenn es um das berufliche Musizieren ginge: Spaß, Bezahlung und gute Musiker. Bei der Aja Soul Group wird er bezahlt, hat Freude an der Musik und versteht sich super mit den Bandkollegen. Somit ist er seiner Meinung nach bei Ajas Soul Group bestens aufgehoben.

    Während sie die Fotos betrachten und mir von ihrem musikalischen Hintergrund erzählen, werden sie immer wieder von eintreffenden Konzertbesuchern begrüßt, welche auf dem weg in den Saal an unserem Tisch vorbei gehen. Von unten sehen wir zu wie sich der Saal füllt. Langsam wird es ernst. Ein Reporter, Kameramann und Tontechniker des ORF treffen ein und entführen Aja in den Backstage-Bereich, um sie zu interviewen und der Rest der Band mischt sich unter die Leute. Kurz vor 21 Uhr öffne ich die Tür zum Backstage-Bereich. Aja läuft alleine und schweigend durch den Raum. Die steigende Besucherzahl und die Anwesenheit der lokalen Medien machen sie jetzt doch etwas nervös, gibt sie lächelnd zu. Zögernd fragt sie mich, ob ich ihr den Nacken ein wenig massieren könnte. Sie entschuldigt sich für diese ungewöhnliche Bitte, aber ich beruhige sie und versichere ihr, dass es mir nichts ausmacht. Wir kennen uns ja schon eine Weile und waren uns von Anfang an sympathisch, wie wir später feststellen. Ich spüre ihre Anspannung unter meinen Fingern und versuche, sie mit beruhigenden Worten abzulenken. Nach der Massage ziehe ich mich zurück und beobachte, wie sie zuerst an ihrem halb vollen Glas Rotwein nippt und danach vollkommen in sich gekehrt mit geschlossenen Augen auf ihrem Stuhl sitzt, die Ellbogen auf ihre Knie gestützt und die Daumen und Zeigefinger zu Kreisen geformt. Ich versuche, mir vorzustellen, was wohl in ihrem Kopf vorgeht, während das Geräusch von angeregten Gesprächen durch die geschlossene Tür zum Konzertsaal immer lauter und lauter wird.

    Nur allzu gerne würde ich dieses Bild mit einem Foto festgehalten. Mein Respekt vor der Verwundbarkeit und Intimität dieses Moments jedoch halten mich davon ab. Jetzt bleibt die Kamera aus. Ich zücke sie erst wieder, als die anderen Bandmitglieder zu Aja stoßen und gemeinsam durch das Fenster zur Bahnhofstraße blicken, um die ankommenden Gäste zu beobachten. „Anna schau! Das ist meine Nachbarin, die da kommt!“, ruft Aja mir zu. Die Freude über jedes einzelne bekannte Gesicht weckt sie wieder auf und verstärkt ihre Ungeduld, endlich auf die Bühne zu dürfen. Mit einer kleinen Verspätung von ca. 10 Minuten, wie es sich für echte Musiker gehört, betritt die Aja Soul Group die Bühne. Das Publikum begrüßt sie mit lautem Jubel. Ebenso laut ist der Jubel nach dem ersten Song, der dem Album seinen Namen gibt: „Territory“. Aja singt: „This is my my my, my territory.“ Sie zieht zwar ihre Grenzen, aber gleichzeitig bricht sie sie. Die Grenzen brechen, als sie ihr Inneres - ihre Musik - dem Publikum zum allerersten Mal präsentiert. „Man macht sich unglaublich verletzlich“, hat sie mir gesagt, als wir vor dem Konzert über ihre Musik geredet hatten. Die Musik ist ihre Leidenschaft und das merkt man, wenn man sie auf der Bühne beobachtet. Sie tanzt, lacht und lässt sich vom Groove treiben. Und das kommt sichtlich gut beim Publikum an. Bei Songs wie „Push“ und „Groove Addict“ schwingen einige Besucher das Tanzbein und die Stimmung bei Klassikern wie „Way I Feel“ und „How Many Times“ lässt vor allem bei den weiblichen Fans die Augenlider zufallen. Aber egal ob Männlein oder Weiblein: Ich sehe niemanden, der nicht zumindest mit dem Kopf odr dem Fuß zum Takt auf und ab wippt. Nach der ersten Hälfte hält Aja stolz ein Exemplar ihrer neuen CD in die Höhe und weist ihre Gäste darauf hin, dass sie während der Pause eine davon kaufen können. Mit „Sie isch richtig richtig cool wora!“, bringt sie ihr Publikum zum Lachen.

    Das lässt sich das Publikum nicht zweimal sagen. Eine lange Schlange bildet sich vor dem kleinen Stehtischchen bei der Eingangstür, wo Aja zahlreiche Umarmungen entgegen nimmt und frisch verkaufte „Babys“, wie sie sie nennt, signiert. Die Pause vergeht wie im Flug und schon steht Aja wieder auf der Bühne. Dieses Mal alleine. Denn ihren Song „Look Like A Fool“ performt sie solo. Ihre Finger gleiten über die Tastatur des Keyboards während sie mit geschlossenen Augen über die Sehnsucht nach Liebe singt. Die Welt wird langsamer während das Publikum gemeinsam mit Benny, Christian, Toni und Stephan nachdenklich zusieht. Doch die Melancholie hält nicht lange an und der Rest der Band gesellt sich wieder zu Aja auf die Bühne. Das zweite Set des Konzerts wird wieder genauso lebendig und pulsierend wie das erste und die „Stammfans“, wie sie Aja nennt, tanzen wieder ausgelassen zur Musik während ihre Lippen die Bewegungen von Ajas nachahmen. „Ein ganz spezieller Fan kennt meine Songtexte so gut, dass er mir einmal während eines Konzerts einen Texthänger hatte geholfen hat“, hatte mir Aja erzählt. Um 22 Uhr neigt sich das Konzert dem Ende zu und die Band bedankt sich bei den ca. 200 Gästen für ihr Kommen. Mit der Zugabe „Territory“ schließt sich der Kreis und unter tosendem Beifall versammeln sich die fünf Musiker und verbeugen sich Arm in Arm. Aja eilt sofort wieder zu ihrem Stehtischchen, um weitere CDs zu verkaufen und ich habe Zeit, mich mit den Anderen zu unterhalten. Auf meine Frage, wie es denn da oben so war, meinte Christian: „Heiß!“ und Stephan: „Und laut!“. Beide lachen und wirken ausgelassen. Nach einem kurzen Gespräch mit Little, der ebenfalls auf das Konzert gekommen war, macht sich Toni schon ans Abbauen, denn die Band muss schon in 4 Stunden zu einem weiteren Auftritt in Deutschland aufbrechen. Es bleibt aber noch Zeit, sich von einigen Gästen zu verabschieden, Fotos zu machen und etwas zu plaudern. Es entsteht noch eine tiefsinnige Diskussion, die durch meine Frage nach dem Wunsch nach Ruhm ausgelöst wird. „Wollt ihr eigentlich mit eurer Musik berühmt werden?“ Auf diese Frage bekomme ich viele Antworten, aber alle sind ähnlich. Niemand von ihnen legt Wert auf Ruhm. Alle sind froh, ihre gemeinsame Leidenschaft – die Musik – ausleben und von ihr leben zu können. „Ruhm kann auch viel kaputt machen“, meint Aja. „Die Leute stellen einen auf ein Podest und vergessen den Menschen. Ich bin stolz darauf, ehrlich sagen zu können, dass es mir mein Leben lang nur um die Musik gegangen ist und nie um den Ruhm.“

    Bevor ich mich von Aja verabschiede, möchte ich noch eine Sache wissen: „Wie geht es jetzt weiter? War das ein Ende? Oder vielleicht ein Anfang?“ „Weder noch“, antwortet sie. „Es war ein Meilenstein. Ich werde ganz bestimmt auch in Zukunft mit dieser Band Musik machen, obwohl es nach der Trennung von Toni alles andere als einfach ist. Aber mir ist auch klar geworden, dass ich mich jetzt mehr um meinen Sohn kümmern muss. Nachdem das Album jetzt veröffentlicht wurde, will ich es wirken lassen. Ich will eine andere Haltung einnehmen und das Leben auf mich zukommen lassen.“ Sie kichert. „Du lachst mich jetzt sicher aus, aber ich habe so einen schönen Spruch gelesen: Lass die Dinge zu dir kommen. Als Musiker muss man oft die Initiative ergreifen, aber genau das erzeugt enormen Stress und ich will wieder Ruhe in mein Leben bringen und mein Lebenswerk jetzt einfach auf die Menschen wirken lassen. Meine Musik wird ihren Weg gehen.“ Ich wünsche ihr von Herzen, dass sie das wird. Und so gehe auch ich meinen Weg. Aus dem Konzertsaal. Die Treppe hinunter. Durch die Tür, durch die ich vor wenigen Stunden als anderer Mensch gegangen war, als ich es jetzt tue.