• Wie sieht es in einem Zuhause aus, das in den kalten Monaten nicht bewohnbar ist? Willi ist seit 18 Jahren Hirte auf der Unterstiegalp. Die einfache Hütte ist nicht nur Unterkunft, sondern der Ort, den er Zuhause nennt.


    Der Schnee im Winter zwingt ihn jedoch jedes Jahr zum Umzug ins Tal. Die Erinnerungen an die Alpsommer aber bleiben in der Hütte – eine Fotoreportage über eine Alp im Winterschlaf.

    Eine fotografische Reportage von Sabine Grohe



  • Nur noch die Fastenzeit abwarten, dann geht das normale Leben wieder los. Wenn es langsam Frühling wird, kann Willi kaum erwarten, wieder in sein Zuhause zurück zu kehren. „Morgens pfeifen die Vögel, da werd’ ich schon nervös.“ Seit vielen Jahren ist die Unterstiegalp am Hochgrat sein Zuhause. Die 200 Jahre alte Hütte hat der Hirte über die Jahre mitgestaltet und immer mehr zu seinem Daheim gemacht. Wände und Türen sind geschmückt mit Familienfotos, Karten und getrocknetem Blumenschmuck. Bunte Vorhänge an den Fenstern, karierte Tischdecken auf den Tischen, in der Ecke ein Schaukelpferd. So gemütlich war es nicht immer. Zugige Fenster, spartanisches Mobiliar: so sah die Hütte vor 19 Jahren aus. Zuhause fühlen konnte man sich nicht. Damals hat hier auch niemand gewohnt. Willi aber zieht regelmäßig für den Sommer ein, seit er bei der Weidegesellschaft Lindau angestellt ist. Er passt auf die gut 200 Stück Jungvieh auf, die den Sommer an diesen Bergflanken weiden. Das einfache Leben in den Bergen liebte der heute 51-Jährige schon als kleiner Bub. Wenn seine Familie ihr Vieh im Sommer auf der Alm hatte, war das die beste Zeit im Jahr.

    Ab März kommt Willi immer öfter auf die Hütte. Für Reparaturen ist jetzt die beste Zeit. Als er die Hütte betritt, dreht Willi zuerst die Sicherung für den Strom ein, dann öffnet er die Fensterläden. Vor neun Jahren haben sie Stromleitungen herauf gelegt. Das fand er eher überflüssig. Ohne ging es ja auch ganz gut.
    Die Kaffeemaschine braucht nur einen Reinigungsdurchlauf. Willi drückt auf den Knopf - jetzt kann er neben Bier und Wasser auch Kaffee anbieten. Die Küche sieht aus, als ob sie täglich benutzt würde: Neben der Spüle liegen Schwamm und Spülmittel bereit; Thermomix und Brotschneidmaschine stehen auf der Theke, gegenüber ein Kühlschrank. Der ist vorgeschrieben. Seit vorigem Sommer bietet Willis Partnerin Christine am Wochenende Vesper und Getränke an. Die Bewirtung ist ein rentabler Nebenverdienst. Trotzdem mag der Hirt die Rolle des Wirts nicht. Er hilft nur aus, wenn viel los ist. Lieber ist er beim Vieh. Das steht für ihn an erster Stelle. Die Ruhe und ein einfaches Leben findet er wichtig. Dann fühlt er sich wirklich wohl: „Hier ist die Welt noch einigermaßen in Ordnung.“
    Fotos vom Alpsommer verteilen sich über die Wände: der Hirt und Besucher, seine Helfer, der Almabtrieb. Willi schürt den großen Kachelofen an. Über der Eckbank hängen ein Kruzifix und eine Holzfigur des heiligen Wendelin. Der Schutzpatron der Hirten und Bauern soll im Sommer Glück bringen und helfen, die Tiere wieder gesund ins Tal zu bringen. Im Regal und in einer Truhe liegen Brettspiele und Bücher.
    Die Betten im großen Schlafzimmer nebenan sind bezogen. Jemand hat Isolatoren in die Holzdecke geschraubt und dazwischen eine Schnur gespannt. Daran hängen Kleiderbügel: Jacken, Hosen, ein Trachtenhemd und ein Dirndl. Im Eck ein Wickeltisch, darauf liegen Lätzchen. Die jüngste Tochter von Willi ist zwei Jahre alt.



    Dass sie, seine Pflegetochter und sein Stiefsohn die Alp erleben, ist Willi wichtig. In der Kammer unter dem Dach sind die Matratzen an die Wand gelehnt, ansonsten ist das Zimmer leer. Während des Sommers sieht es hier anders aus. Dann herrscht im Zimmer ein ziemliches Chaos. Willi lacht, wenn er von den jungen Zuhirten erzählt, die an schulfreien Tagen hier hausen. Sie kommen aus umliegenden Dörfern und sind vom Leben auf der Alp und der Sorge um für die Tiere genauso begeistert wie Willi. In einer anderen Dachkammer sind an Latten die vielen Schellen aufgereiht, die das Vieh beim Alpabtrieb trägt. Seit einigen Jahren macht Willi mit seinem Vieh nicht mehr beim großen Viehscheid von Oberstaufen mit. Im Allgäu ist das eine der größten und meist besuchten Veranstaltungen im Herbst. So viele Menschen auf einmal im großen Festzelt zu treffen, nachdem man den Sommer in den Bergen verbracht hat, ist anstrengend. Willi und die Bauern der Weidegenossenschaft feiern einen kleinen Alpabtrieb - ohne Gästemassen als Publikum.
    Im Vorraum der Hütte stehen einige Paar Bergschuhe, an der Wand hängen Hüte und Regenjacken. Bereit für den Alpsommer scheint fast alles zu sein. Nur das Gras auf der Weide muss noch wachsen. Dass Willi hier schon so viele Jahre Hirte ist, erleichtert die Vorbereitungen. Richtig umziehen muss niemand mehr und was im Sommer alles wirklich wichtig ist, weiß er aus Erfahrung.

    Dinge, die im Alltag vieler Menschen selbstverständlich sind, gibt es in den Bergen nicht. Vermisst hat Willi diese kaum. Viele Berghütten werden immer besser ausgebaut, 86 Prozent aller Alphütten im Alpenraum sind inzwischen erschlossen. Auch die auf 1000 Metern gelegene Unterstiegalp ist mit dem Auto erreichbar. Ginge es nach Willi, wäre das nicht nötig. Während der Sommermonate verlässt er die Berge nur selten, und auch im Herbst würde er am liebsten bleiben. Dann kommt Wehmut auf, und die Zeit bis zum nächsten Alpsommer scheint lang. Dieses Jahr ist er bis Anfang Januar geblieben. Wenn es zu mühsam wird, jeden Tag zur Hütte zu gelangen und der Holzvorrat zu schnell schmilzt, mietet Willi eine Ferienwohnung im nächsten Ort.
    Während das Vieh in den Ställen steht, arbeitet er bei einer Mühle im Nachbarsort als Lastwagenfahrer; so überbrückt er die Zeit bis zum Sommer.

    Wenn der Alpsommer beginnt, wird die Hütte immer belebter. Willi zieht ein, im Schlepptau junge Kälber, Hühner und Enten. Wenn an den Wochenenden dann Besucher, Familie und Helfer da sind, ist viel los auf der Unterstiegalm. Nur unter der Woche ist Willi mit seinen Tieren alleine: Wichtig ist dann das Zäunen und Heu machen und das Sorgen für das Vieh. Dann kann er sich wieder ganz auf die Arbeit und Stille konzentrieren.